Die Klasse – Der Film

Die Klasse

„Die Klasse“, nach dem autobiografischen Roman „Entre les murs“ von François Bégaudeau, dokumentiert unmittelbar und fesselnd den Alltag einer französischen Schule im 20. Pariser Arrondissement. Die Kinder stammen großteils aus Einwanderfamilien, die kulturelle Vielfalt der Klasse sorgt für Herausforderungen, seitens der Schüler ebenso wie für ihre Lehrer. Die Kamera, unter der Regie von Laurent Cantet, begleitet den Französischlehrer François Marine (François Bégaudeau) und gleichzeitigen Klassenlehrer der 4ème und seine Klasse auf ihrer prekären Reise durch ein weiteres Schuljahr.

So wirklich ist die Wirklichkeit
Wer einen Film à la Hollywood erwartet, wo heldenhafte Pädagogen, die nebenbei noch bei den Marines ausgebildet wurden, die Klasse zu Höhenflügen führen und die Zukunft einzelner retten können, wird enttäuscht. Der Lehrer ist kein Held. Er meint es gut, empfindet Sympathie für seine Klasse, lässt sich auf sie ein, ist engagiert, aber er irrt auch, zweifelt, zögert, hält zurück und zürnt. Mit einem Wort, er ist menschlich. François Marine ist tolerant und ist bemüht, sich auf seine Klasse einzulassen, aber hin und wieder stößt auch er an seine Grenzen. Um Grenzen geht es in dem Film immer wieder, um die Schwierigkeit, die eigenen und die der anderen zu erkennen und zu respektieren.

Die Klasse – Lehrer mittendrin

Besonders mitreißend und schön sind die Dialoge zwischen dem Lehrer und den Dreizehn- bis Fünfzehnjährigen, wenn sie hinterfragen und den Lehrer in Bedrängnis bringen. Z.B. bei der Erkenntnis, dass kein Mensch mehr im Indikativ Imperfekt spricht und sich aus ihrer Sicht die Frage nach seiner Notwendigkeit aufdrängt. Die Lebhaftigkeit der Diskussionen und die Lust der Jugendlichen, für sich neue Räume zu erschließen, ist mitreißend und sympathisch, auch wenn dies nicht in der Manier von Musterschülern passiert. Daneben gibt es jene, die sich verweigern. Aufwiegler und Störenfriede. Außenseiter, die ihren Weg im System Schule nicht finden und die Verzweiflung der Lehrer darüber, nicht zu ihnen durchzudringen. Wie viel Aufmerksamkeit kann dem Einzelnen gegeben werden, wenn es auch darum geht, eine Atmosphäre zu schaffen, in der gearbeitet werden kann?

Zimmer mit Aussicht

Einiges wird im Film angerissen, bleibt aber ungeklärt. Ist der Klassenlehrer tatsächlich heterosexuell oder hatte er nicht den Mut, sich homosexuell zu bekennen? Werden die Eltern eines chinesischen Schülers abgeschoben, wird ein Junge von seinem Vater bestraft und in sein Heimatdorf in Mali zurück geschickt? Es geht nicht darum, auf alles eine Antwort zu finden. Es geht darum, hinzusehen. Den Heranwachsenden aufmerksam zuzusehen, an dem Ort, an dem sie aufeinandertreffen, die Klasse, den Schulhof … Wo sie sich ihren Identitäten, ihren Problemen, ihren stillen Hoffnungen stellen und dabei noch für eine Zukunft fitt gemacht werden sollen, in der sie bestehen können – und sehr oft gelingt es nicht. Die Lehrer leben in ständiger Balance bzw. dem Versuch, den Einzelnen zu schützen und gleichzeitig den gemeinsamen Nenner zu finden, der es überhaupt erst ermöglicht Wissen zu vermitteln. Im Fernsehen kam der Film bisher nur heute einmal im ZDF.

Der Originaltitel, „Entre les murs“ zu Deutsch „Zwischen den Mauern“, ist ein passender Titel, wenn man bedenkt, dass keine Nebenhandlungen die Leben der jungen Menschen ausleuchten. Was man über sie erfährt, erfährt man im Rahmen des Unterrichts. In dokumentarischem Stil begleitet die Kamera den jungen Lehrer in den Unterricht, zu Lehrerkonferenzen und Elternsprechtagen. Sie kommentiert nicht, sie beobachtet nur. Die Intensität und Nähe zu den Darstellern wird dadurch erzeugt, dass Lehrer und Schüler ganz großartig von Laiendarstellern verkörpert wurden. Fixe, in der Klasse installierte Kameras erlauben einen großflächigen Überblick über die Vorkommnisse im Klassenzimmer. Daneben sorgte noch eine Handkamera für Flexibilität in der bildlichen Erzählung. Der Film gewann 2008 die Goldene Palme in Cannes und den One Future Award in München, ebenfalls 2008. 2009 wurde „Die Klasse“ als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert.

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